Lisa Maria Baier

Lisa Maria Baier (geb. 1988 in Görlitz) ist eine in Dresden lebende bildende Künstlerin, deren Arbeit sich mit Sprache, Erinnerung, visueller Kultur und den politischen wie emotionalen Folgen von Migration und historischen Brüchen auseinandersetzt. Sie studierte Bildende Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie an der Hungarian University of Fine Arts in Budapest (2010-2017) und schloss ihr Studium als Meisterschülerin ab (2017- 2021). Seitdem arbeitet sie freischaffend in den Bereichen dokumentarische Fotografie, Video, Installation und performative Forschung.
Ihre künstlerische Praxis konzentriert sich auf Formen der Kommunikation, des Archivierens und des Nicht-Verstehens. Baier interessiert sich dafür, wie Geschichten weitergegeben, verzerrt, verschwiegen oder nur fragmentarisch überliefert werden – sei es durch Sprache, durch Bilder oder durch materielle Spuren in Landschaften. Dabei nutzt sie visuelle Fehler, analoge Störungen, Archivmaterial und handgefertigte Objekte als ästhetische Mittel, um Brüche in kollektiven Narrativen sichtbar zu machen. Ein wiederkehrendes Thema ihrer Arbeit ist die Vererbung von Erinnerung und Zugehörigkeit in Regionen, die von Vertreibung, Grenzverschiebungen und Mehrsprachigkeit geprägt sind. Aufgewachsen im Grenzraum zu Polen, setzt sie sich intensiv mit der Migrationsgeschichte ihrer Familie auseinander. Diese biografische Erfahrung dient ihr nicht als nostalgischer Bezugspunkt, sondern als Ausgang für eine kritische Untersuchung von Identität, Verlust und der Frage, wie Landschaften zu Archiven unausgesprochener Geschichte werden. In ihren Projekten verbindet Baier analytische Präzision mit poetischer Offenheit. Sie untersucht, wie visuelle und sprachliche Systeme Bedeutung erzeugen und wie Missverständnis, Fragmentierung und Mehrdeutigkeit als produktive Formen von Wissen und Ausdruck wirken können. Ihre Arbeiten schaffen Räume, in denen sich individuelle und kollektive Erfahrungen überlagern und neu verhandelt werden können.

„Während meines Aufenthalts im Künstler*dorf Schöppingen entwickelte ich eine Reihe installativer, performativer und medienbasierter Arbeiten, die sich mit Demokratie, Erinnerungskultur und ostdeutschen Perspektiven auf gesellschaftliche Transformationsprozesse auseinandersetzten. Ausgangspunkt war meine eigene Sozialisation in der ostdeutschen Provinz, geprägt von rechter Gewalt, antifaschistischem Widerstand und einem spezifischen Verständnis politischer Verantwortung. Diese biografische Prägung fungierte als analytischer Filter für meine Auseinandersetzung mit dem westdeutschen Kontext Schöppingens.
Ich nutzte sämtliche verfügbaren Räume des Künstler*dorfs, um monatlich neue Rauminstallationen zu realisieren – jeweils im Rahmen der Open Studios zugänglich gemacht. Parallel dazu initiierte ich die Ausstellung POTLUCK, entwickelte zum 9. November, Reichspogromnacht, eine öffentliche Aktion am Labspace und entwarf mehrere Performances und Videoarbeiten im öffentlichen Raum.
Ein zentrales Element war die Säuberungs-Performance zur ostdeutschen Perspektive auf Wiedervereinigung, demokratische Wünsche und politische Sichtbarkeit. Diese wurde durch eine anschließende Projektionsinstallation erweitert, die Fragen nach Repräsentation stellte: Wer wird gehört, wer nicht? Welche Stimmen und historischen Narrative verschwinden aus dem kollektiven Gedächtnis – und welche bleiben bestehen?
Im Rahmen meiner Recherche setzte ich mich zudem mit dem stillgelegten NATO-Gelände auseinander und produzierte Videoexperimente zum Verschwinden öffentlicher Denkmäler in Schöppingen, die ich mittels Greenscreen mit DDR-ikonografischen Blickachsen kontrastierte. Diese Überlagerungen dienten dazu, Brüche, Auslassungen und Umdeutungen in lokalen Erinnerungskulturen sichtbar zu machen.
Alle Arbeiten folgten einem ergebnisoffenen, resonanzbasierten Ansatz, bei dem Reaktionen aus der lokalen Community, aus dem Künstler*dorf und aus dem öffentlichen Raum selbst aktiv in die Weiterentwicklung der Installationen einflossen. Die künstlerische Praxis wurde damit zu einem Prozess kollektiver Spiegelungen über demokratische Strukturen, politische Prägungen und die Frage, welche Geschichten eine Gesellschaft erinnert und welche sie zum Schweigen bringt.“

Stipendiat:innen